Mit dem Auto übers Meer

Ulrike Grafberger, Freitag, 8. November 2013, 1984 Mal gesehen

Mit dem Auto übers Meer

Das ist schon aufregend: Da fährt man mit dem Auto kilometerweit durchs Meer, auf einem Deich, der in jahrelanger Schufterei von Menschenhand geschaffen wurde. Willkommen auf dem Abschlussdeich, in Niederländisch Afsluitdijk.

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Das ist schon aufregend: Da fährt man mit dem Auto kilometerweit durchs Meer, auf einem Deich, der in jahrelanger Schufterei von Menschenhand geschaffen wurde. Willkommen auf dem Abschlussdeich, in Niederländisch Afsluitdijk.

Pläne für diesen 32 Kilometer langen Deich gab es schon im 17. Jahrhundert, allerdings wusste man nicht so recht, wie ein solches Großprojekt technisch und finanziell realisiert werden konnte. Die Idee, einen Deich zum Schutz gegen das Meer zu bauen, spukte also schon jahrhundertelang in den Köpfen der Holländer und Friesen herum.

1886 wurde deshalb die Zuiderzeevereniging errichtet, ein Verein zur Förderung des Deichbaus. Als fachkundigen Berater stellte man den Diplomingenieur Cornelis Lely ein, der sich vor allem im Wasserbaubereich einen Namen gemacht hatte und zwei Legislaturperioden als Minister van Waterstaat tätig war. Lely sollte einen Deich planen, um die Zuiderzee von der stürmischen Nordsee zu schützen und sie sozusagen „abzuschließen“ (daher auch der Name Abschlussdeich).

Doch erst einmal geschah nichts. Zu groß, zu teuer, zu unwichtig war das Projekt. Bis zum Jahr 1916. Der Januar brachte mal wieder viel Sturm, an und für sich nichts Ungewöhnliches in den Niederlanden. Doch weil der Sturm anhielt, türmte sich das Wasser, Deiche brachen, Land wurde überflutet, und auf der Zuiderzee-Insel Marken kamen 16 Menschen ums Leben.

Das Maß war voll. Man beschloss, den Abschlussdeich nun endgültig in Angriff zu nehmen. Die Arbeiten begannen gleichzeitig an mehreren Stellen: Die Sandbank Breezand, die sich in der Mitte der Zuiderzee zwischen Nordholland und Friesland befand, wurde zu einer Insel aufgeschüttet, Häfen und Unterkünfte für die Arbeiter wurden errichtet. Gleichzeitig begann man auf nordholländischer und auf friesischer Seite mit dem Bau des Abschlussdeiches und zweier Schleusen, die zum Ausgleich der Wasserstände und als Durchfahrtsmöglichkeit für den Schiffsverkehr dienten. Gebaut wurde von 1927 und 1933, also in einer Zeit, in der es noch keine Computer und keine technisch ausgefeilten Geräte gab. Der Abschlussdeich ist hauptsächlich in Handarbeit errichtet worden − aus 23 Mio. Kubikmetern Sand, 13 Mio. Kubikmetern Lehm, 1,5 Mio. Kubikmetern Naturstein und 16 Mio. Ziegelsteinen. Hinzu kamen 18 Mio. Weidenbündel.

Besonders kompliziert wurde die Sache, als sich die Bautrupps von beiden Seiten der Mitte näherten. Weil sich das Meer aufgrund der Gezeiten mehr oder weniger nur noch durch ein Nadelöhr drängen konnte, wuchs die Strömung − und mit ihr die Gefahr, der Deich könne brechen. Hinzu kamen gefräßige Pfahlwürmer, die sich die als Sinkstücke genutzten Weidenbündel nur allzu gut schmecken ließen. Doch allen Widrigkeiten zum Trotz wurde am 28. Mai 1932 die letzte Lücke geschlossen, und der Abschlussdeich war vollendet.  Die Zuiderzee wurde zum IJsselmeer und die Meeresbucht zum Süßwassersee, der heute unter anderem der Trinkwasserversorgung dient und ein beliebtes Segelrevier ist. Zudem wurde im IJsselmeer mit der Schaffung des Noordoostpolders und der niederländischen Provinz Flevoland neues Land gewonnen.

Der Abschlussdeich ist ein Meisterwerk. Das wird deutlich, wenn man in der Mitte des Deiches anhält. Hier bietet sich einem nicht nur eine fantastische Aussicht vom Aussichtsturm, sondern dank des Denkmals auch ein beeindruckender Einblick in die Entstehung dieses gigantischen Bauwerks.

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