Hochprozentiges mit Tradition: Jenever

Ulrike Grafberger, woensdag 7 augustus 2013

Er wird auch als Lebenswasser bezeichnet, der Jenever, dessen deutsche Schreibweise Genever lautet. Ebenso wie seine Brüdern und Schwestern in anderen Ländern – Whisky, Wodka, Aquavit – war Hochprozentiges früher auch in Holland unverzichtbar. Denn das Trinkwasser wurde damals aus den Grachten geholt; gleichzeitig dienten die Grachten als Abwasserkanal. Was das genau bedeutet, kann sich jeder sicher gut vorstellen. Und jetzt kommt Alkohol ins Spiel: Aufgrund seiner desinfizierenden Wirkung sorgte er dafür, dass nicht nur ein verdorbener Magen wieder ins Gleichgewicht kam, sondern auch das Ausbreiten von Krankheiten verhindert wurde.

Doch nicht nur zu Hause im heimischen Holland war er ein wichtiger Bestandteil eines jeden Haushaltes, auch auf hoher See durfte ein Fass Alkohol auf keinen Fall fehlen. Denn damit wurde das Trinkwasser an Bord vermengt, um es länger haltbar zu machen. Alkohol sicherte somit das Überleben.

Jenever wurde – im Gegensatz zum reinen Kornalkohol – auch als Medizin gebraucht. Man fügte dem Alkohol Wacholderbeeren hinzu, was dem Jenever seinen Namen einbrachte: Jenever ist eine Anlehnung an das niederländische Wort jeneverbes, Wacholderbeere. Jenever half vorzüglich gegen Magen- und Darmbeschwerden, und selbst Pestkranke wurden mit Jenever behandelt.

Um mehr über die Geschichte des Jenevers zu erfahren, mache ich mich auf den Weg zu Van Kleef, er ältesten, noch bestehenden Jenever-Brennerei Den Haags. Seit 1842 wird hier Jenever gebrannt, inzwischen haben Fleur und Louis die Brennerei übernommen. Mit vollem Einsatz brennen sie Jenever, Korenwijn, Wodka, stellen Liköre aus Früchten wie Himbeeren, Kirschen und Brombeeren her. In dem bis zur Decke mit Flaschen und Fässern gefüllten Verkaufsraum bekommt man nicht nur Jenever, sondern auch einen guten Einblick in die Geschichte der Stadt und der Schnapsbrennerei. Man sieht alte Destillationsgeräte, Dampfkessel, Fässer und einen Handwagen, auf dem der Jenever früher zum Kunden gebracht wurde. Fleur zeigt mir auch noch etwas ganz Besonderes: das erste Telefonbuch von Den Haag aus dem Jahr 1883. Und wer hatte den Anschluss mit der Telefonnummer 1? Genau, die Jenever-Brennerei Van Kleef & Zoon. Und auch hier wird deutlich: Eine Brennerei gehörte zu den wichtigsten Adressen. Damals war der Telefonanschluss jedoch vor allem Prestigesache, denn es gab zu jener Zeit lediglich 126 Telefonanschlüsse in der Stadt.

Und heute? Das Wasser ist sauber, die Pest besiegt, selbst auf Schiffen gibt es sauberes Trinkwasser. Schmeckt Jenever nur gut oder hilft er noch immer? Fleur klärt mich auf: „Ein Jenever ist auch heute noch ein prima Mittel gegen Magen- und Darmbeschwerden. Und der Jenever-Likör ist gut bei Halsschmerzen: Erst desinfiziert er den Hals, dann besänftigt er ihn.“

Selbst wenn der Magen nicht zwickt und der Hals nicht kratzt: Bei Van Kleef kann man auch ohne Beschwerden einen Jenever probieren oder einen Blick ins alte Telefonbuch und die Geschichte der Jenever-Brennerei werfen: Van Kleef,  Lange Beestenmarkt 109, Den Haag.